3.Sonntag nach Trinitatis Micha 7,18-20 (28.6.2020)

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Die Südwest Presse fragt in einem Interview am vergangenen Dienstag: „Herr Spahn, am Freitag (= vorgestern) ist der Tag des Verzeihens. Sie haben gesagt, wir werden in der Corona-Krise einander viel verzeihen müssen. Haben Sie schon jemandem verziehen?“
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Ja. Viele haben erlebt, wie diese besondere Situation das Privatleben belasten kann. Wenn sich Freunde und Familien fragen, ob sie sich sehen dürfen, oder Sorgen haben, sich gegenseitig anzustecken, kann das zu Verletzungen führen, ohne dass böse Absichten im Spiel sind. Politisch haben wir in der Krise in kurzer Zeit viele schwierige Entscheidungen treffen müssen. Das hat die Lage erfordert. Aber das führt natürlich auch zu Spannungen, in denen man sich gegenseitig verzeihen muss.“

Das klingt so harmlos. Tag des Verzeihens. Nur ein Tag? So wie ein kurzes „Tschuldigung!“

Manche Menschen sind echt gnadenlos. Scheuen nicht davor zurück, ihre eigenen Interessen über alles andere zu stellen; scheuen nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden oder Leben aufs Spiel zu setzen. Was die einen unhaltbar finden, ist für andere ganz normal. Das Gerechtigkeitsempfinden ist wohl sehr unterschiedlich. Einige Beispiele, die in der jüngsten Zeit geschehen sind, haben mich sprachlos gemacht:

wie kann ein Polizist so skrupellos sein, einem anderen auf dem Hals zu knien und ihm die Luft zu nehmen, ja dessen Tod in Kauf zu nehmen? Warum missbrauchen Menschen in Münster oder sonst wo Kinder und zerstören ihr Leben? Das ist unverzeihlich!!

Dass Menschen so sein können oder so sind, ist leider nichts grundsätzlich Neues. Deshalb sind schon vor über 2600 Jahren Propheten aufgestanden und haben die damaligen Missverhältnisse angeprangert. Als berufene Männer Gottes haben sie dem Volk Israel den Spiegel vorgehalten. Letztlich sei Israel ein gottloses Volk, sei weggelaufen  und habe seinen Gott verloren, werfen sie vor. Die Umkehr sei bislang nicht erfolgt. Das passt zum Gleichnis vom verlorenen Sohn. Darum musste das Volk als Strafe sein Land und die Stadt Jerusalem verlieren, musste von fremden Herrschern besiegt werden. Als Strafe Gottes für die Untreue.

Micha war ein streitbarer Prophet, ähnlich Amos. Seine Worte lassen schließen, worum es damals ging. Seine Worte sind radikal: die Städte von Juda sollen zerstört werden, die Machthaber des eigenen Volkes werden angeprangert wegen Ausbeutung (sie hassen das Gute und lieben das Arge); die Gottlosen werden angeprangert wegen Bereicherung durch Lug und Trug. Er wettert gegen die Tempelpropheten, die dafür bezahlt werden, dass sie den Machthabern nach dem Mund reden. Er wettert gegen die Oberen und Richter, die sich bestechen lassen. Er wettert gegen die, die sich den Fruchtbarkeitsgöttern Samarias zugewandt haben.

Dieser bekannte Vers fasst es doch gut zusammen: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Und dennoch wird das Gute und Geforderte nicht getan.

Nein, es ist nicht alles gut! Sagt Micha. Gott wird zum Gericht kommen und das wird nicht für alle gut ausgehen! Keine pauschale Gnade für alle. Kein lieber Gott. Kein Gott, der liebevoll und gütig ist. Erstmal nicht!

Nein, es ist nicht alles gut! Wer das Buch Micha liest, bekommt einen Spiegel vorgehalten. So sind Menschen, so waren die Vorfahren auch schon. Manche Verhältnisse, die Micha anprangert, haben sich nicht geändert, haben sich bis heute durchgetragen. Warum fällt es so schwer, etwas zu ändern? Ist es die Trägheit? Profitiere ich davon, dass alles so bleibt?

Jüngstes Beispiel sind die Arbeits- und Wohnverhältnisse der Arbeitenden auf den Schlachthöfen. Bin ich willens, auf billiges Fleisch zu verzichten und mit meinem Einkaufsverhalten Einfluss zu nehmen? Dieser Art Beispiele gibt es jede Menge. Wie mühsam es ist, Menschen zur Umkehr zu bewegen, zeigen ganz unterschiedliche Themen:, z.B. Fridays for future, Proteste gegen den Braunkohleabbau am Hambacher Forst. Ganz zaghaft bewegt sich etwas an wenigen Stellen, aber die radikale Umkehr, die nötig wäre, um die Klimakatastrophe deutlich zu mildern, geschieht nicht. Immer müssen Interessen gegeneinander abgewogen werden oder Geld ist das Totschlagargument. 

Nein, es ist nicht alles gut! Aber es kann gut werden. Diese Perspektive eröffnet Micha. 

Es kann gut werden, wenn das Wort Gottes gehalten wird und Liebe und Demut den Umgang der Menschen miteinander bestimmt. Wenn Umkehr gelebt wird. Micha hütet sich, ein pauschales „Schwammdrüber“ zu versprechen. Die Umkehr muss ein sehr bewußter Weg und ernst gemeint sein. Anscheinend geht Micha davon aus, dass nur ein kleiner Rest dazu in der Lage ist.

Denn: lediglich ein kleiner Rest wird bleiben, so sagt er: Menschen, die sich zu Gott halten werden gerettet werden. Ein Rest derer, die es kapiert haben. Der Rest der Lahmen und Verstoßenen. Daraus kann etwas Neues entstehen, dann kann Friede werden; Schwerter werden zu Pflugscharen gemacht und Spieße zu Sicheln. Die, die zum Rest gehören, werden es gut haben, so die Verheißung. Aus diesem Rest kann Neues entstehen. Ihm gelten auch die Worte des Predigttextes:

 

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.“

 

Das sind durchkomponierte Worte. Sie stecken voller Erfahrung, sind das Ergebnis eines Ringens mit Gott. Micha hat es durchdrungen. Sein Name bzw „Michael“ bedeutet: wer ist wie Gott? Wo ist solch ein Gott, wie du bist? - Nirgends sonst!

Gott macht es möglich: es wird gut werden, weil er sein Volk letztlich nicht aufgibt. Allerdings wird es nicht einfach so gut. Ohne Schulderkenntnis und Umkehr ist Sündenvergebung und damit Gnade nicht zu haben.

Es nützt also eigentlich nichts, den liebevollen Vater, die Sündenvergebung zu predigen, wenn nicht die Schuld klar benannt ist. Und zwar nicht die Schuld anderer, sondern meine eigene. Was die anderen falsch machen, ist immer leicht gesagt, auch anderen die Schuld zuzuschieben: die Politiker, die da oben, die Jugend von heute, die Medien, die Frauen, die Reichen…. Jedenfalls: die anderen. Aber wo ist meine ganz eigene Schuld? Wo bin ein Rädchen im Getriebe und müsste eigentlich Sand im Getriebe sein? Wo streite ich meine Schuld ab, weil ich sie nicht wahrhaben will? Wo ist Schuld Sand im Getriebe meines Lebens? Läßt mich leiden an mir selbst? Wo bin hilflos gegenüber meinen eigenen Taten?

Wir trauen uns manchmal selbst in der Kirche nicht, von Sünde zu reden, weil es hart klingt. Lieber reden wir nur von der Vergebung und lassen alles andere weg. Damit ist die Sünde aber nicht weg. Sie verschwindet ja nicht, bloß weil nicht über sie geredet wird.

Gott hat Gefallen an Gnade! Es kann doch keine schönere Aufforderung geben, zu den eigenen Fehlern und Versäumnissen zu stehen und sie vor Gott auszusprechen.

Im Licht der Zuwendung Gottes wird erst sichtbar, wer wir sind und wie wir dran sind. Es braucht Licht im Dunkeln, damit das Dunkel erkennbar ist. Im Angesicht der Gnade Gottes kann uns aufgehen, dass wir ihrer im höchsten Masse bedürftig sind.

Gott hat Gefallen an der Gnade! Er wird sich wieder erbarmen. Also nicht nur einmal. Gott ist quasi Wiederholungstäter. So wie wir wohl auch. Nur im anderen Sinne. Er wird unsere Schuld unter die Füße treten und die Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Damals ein Bild für „unerreichbar weit weg, nie wieder zurückzuholen.“

Jesus hat versucht, mit Hilfe von Bildern und Geschichten zu erzählen, was Sündenvergebung bedeutet. Der Sohn kehrt um - nach Hause. Er findet Gnade bei seinem Vater. Jesus spricht auch davon, dass Menschen einander vergeben sollen. Die eigene Vergebungsbedürftigkeit wahrnehmen und darum dem anderen vergeben können. All das auf diesem Grund und aus diesem Grund: Gott hat Gefallen an Gnade. Darum wird es gut werden. Amen.

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