Maria – eine Frau mit vielen Gesichtern, eine vielseitige Persönlichkeit.
Schaut man Darstellungen an, ist Maria meistens eine junge, junggebliebene Frau mit klarem Gesicht, mit heller Haut, einer schönen Gestalt. Selbst die Darstellungen der Pietà, der Maria mit dem toten Jesus, zeigen eine junge Frau.
In der Bibel begegnet sie tatsächlich zunächst als junge Frau. Als Frau, die bereit ist, sich auf Gott einzulassen. Insofern ist sie eine Heilige: Sie unterstellt ihr Leben dem Willen Gottes, wird aber nicht willenlos. Sie trifft selbst die Entscheidung und kann „Ja“ sagen. Dieser Anfang der Geschichte macht sie zu einer besonderen Frau. Weil sie sich auf den heiligen Geist einlässt, wird Jesus Gottessohn. Weil sie das Kind zur Welt bringt, wird Jesus Menschensohn.
Danach bleibt sie eine Frau mit dem Gespür für das Wesentliche. Bei der Hochzeit zu Kana merkt sie, dass Wein fehlt. Wein steht für Lebensfreude. Sie sorgt dafür, dass das Wasser des Lebens in Wein verwandelt wird. Eine enge Mutter-Sohn Beziehung wird an keiner Stelle geschildert, aber Maria begleitet Jesus auf seinem Weg. Immer wieder wird sie erwähnt. Nicht zuletzt als eine der drei Frauen unter dem Kreuz.
Und am Anfang und am Ende ist sie da. Zwei schmerzvolle Momente: Die Geburt und der Tod. Beide Male muss sie ihn loslassen: Als 12jähriger sucht Jesus Gott im Tempel und bekennt sich zu Gott als seinem Vater; als Jesus tot ist, muss sie sich von ihm endgültig verabschieden. Ob sie sich da als Mutter Gottes gesehen hat?
Maria, eine vielschichtige Figur. Ich glaube, dass vieles durch die Traditionen in der katholischen Kirche überdeckt wurde. Im Laufe der Geschichte wurde in der kath. Theologie eine eigene Mariologie entwickelt, die in großen Teilen wenig mit der biblischen Maria zu tun hat, sondern Ergebnis der Marienverehrung war und ist. In diesem Zusammenhang wurde Maria zu einem Vorbild für die gläubige, gottesfürchtige und folgsame Ehefrau gemacht, deren Lebensinhalt es ist, für Mann und Nachwuchs zu sorgen.
Was dieses Rollenverständnis angeht, regt sich bei mir sofort Widerstand. Was ihre Person angeht, fasziniert sie mich immer wieder. Sie ist mehr als eine Frau, die alles stumm über sich ergehen lässt und still neben der Krippe sitzt. Sie hat den Mut, die Herausforderung, die Gott für sie vorsieht, anzunehmen. Sie lässt zu, dass Gott ihr Leben mitgestaltet. Darin ist sie für mich ein Vorbild im Glauben.
Pastorin Aliet Jürgens